Das vierte Fensterchen

3. Dezember 2014

Schneeflocken Das vierte Fensterchen

Heuer habe ich wieder einmal vergessen, Barbarazweige zu besorgen. Das hat wahrscheinlich einen Grund, der ganz tief in meiner Kindheit liegt. Meine (einzige) Lieblingstante war nämlich (wie damals und vielleicht auch heute noch viele Menschen) davon überzeugt, dass diesen Zweigen eine ganz besondere Magie innewohnt.

Es war ganz wichtig, dass die Barbarazweige möglichst viele Triebe bekamen und bis spätestens Heiligabend voll mit kleinen weißen oder rosa Blüten waren. Sie wurden nach strengsten Kriterien ausgesucht, mit hofzeremonienartigem Aufwand auf ihre Aufgabe vorbereitet (die vielen Tricks, die meine Tante kannte, habe ich leider inzwischen vergessen), wurden in einer besonders schönen Vase an einen besonders warmen und sonnigen Platz gestellt und ihr Gedeihen wurde täglich aufs Neue kontrolliert.

An die Zweige waren kleine zusammengerollte Zettelchen gebunden, auf denen meine Tante ihre Herzenswünsche für das nächste Jahr geschrieben hatte. Und die würden in Erfüllung gehen, wenn der Zweig, an den sie gebunden waren, am Heiligen Abend mindestens zwei Blüten trug. Es gab wichtige und weniger wichtige Wünsche und meine Tante hatte die zusammengerollten Zettelchen wahllos auf die einzelnen Zweige verteilt – sie wusste also nicht, auf welchem Zweig welcher Wunsch hing.

Barbarazweige

Die Zweige durften natürlich nicht zu früh blühen, weil sie ja dann am 24. Dezember vielleicht schon abgefallen hätten sein können – und das bedeutete: Wunsch geht nicht in Erfüllung. Das geschah natürlich auch dann, wenn die Zweige am 24. Dezember ganz nackt oder nur mit unscheinbaren grünen Mini-Trieben bestückt waren. Wir alle wussten, was dann passierte: Meine Tante war vollkommen verzweifelt, sah das kommende Jahr nur in den schwärzesten Farben und Weihnachten war für sie gelaufen.

Als Kind glaubte ich natürlich auch an diese Magie der Zweige und fieberte mit meiner Tante mit. Jedes Mal, wenn ich sie besuchte, lief ich zuerst zu den Barbarazweigen und suchte intensiv nach Anzeichen von Trieben und Blüten. Und wenn der Erfolg zu früh kam oder ganz ausblieb, litt ich fast genau so wie meine Tante darunter. Allerdings habe ich mich auch unermesslich mit meiner Tante gefreut, wenn am Heiligen Abend die Barbarazweige in voller Blüte standen.

Ob sich diese Orakel auch erfüllt haben, weiß ich nicht mehr und natürlich habe ich mit zunehmender Reife diesen Aberglauben abgelegt, aber irgendwie scheint sich bei mir doch ein Barbarazweig-Trauma entwickelt zu haben, sonst würde mir nicht immer erst am 4. Dezember einfallen, dass ich mir Zweige besorgen sollte. Was meinst du?

Trennlinie Advent

Im Lesesaal einer Bibliothek muss Ruhe herrschen!

Bibliotheksflash

Aber dann passiert das!

Lesende Katze

Nur sie lässt sich durch nichts aus ihrem Studieneifer bringen!

Trennlinie Advent

Aus einem Schulaufsatz

In unserer Familie wird jedes Jahr Weihnachten gefeiert, und zwar immer am 24. Dezember. Einen besseren Termin fanden wir nicht, da an diesem Tag im Fernsehen immer so gute Filme laufen. Außerdem muss Papa an diesem Tag nie arbeiten.

Der Tag beginnt jedes Jahr gleich. Papa zieht los in den Wald und fährt einen Tannenbaum um. Meistens wird er aber doch dabei erwischt und muss viel mehr Strafe zahlen als der Baum auf dem Christbaummarkt um die Ecke gekostet hätte. Während Papa mit dem Weihnachtsbaum kämpft, holt Mama die Kekse vom letzten Jahr aus der Tiefkühltruhe und backt sie wieder auf.

Abends kommt dann immer Tante Fettel zu uns; das Essen verpasst sie nie. Tante Fettel ist doppelt so dick wie hässlich. Zum Fasching geht sie immer als Gletscher verkleidet. Vor Jahren kamen noch viele Verwandten zu uns, aber seit der großen Pilz-Auflauf-Vergiftung vor 3 Jahren kommen sie nicht mehr. Nur die dicke Tante Fettel, die lässt sich auch von Giftpilzen nicht abschrecken.

Punkt 6 Uhr gibt es immer zu essen. Mama holt das Tier, das Papa am Tag zuvor überfahren hat, aus dem Backofen. Papa nennt es immer Steinkohlebraten. Wer von uns allen herausfindet, ob die Reifenspuren von seinem oder von Mamas Auto stammen, bekommt einen Nachtisch. Während des Abendessens schauen wir uns einen Film nach dem anderen an. Derweil fressen wir, bis wir schier platzen.

Um das viele Essen etwas zu verdauen spielen wir dann immer „Die Pauschalreise nach Jerusalem“. Obwohl wir nur 5 Personen sind, brauchen wir 12 Stühle, denn wenn sich Tante Fettel auf einen einzigen Stuhl setzt, bricht der in sich zusammen. Wenn Papa dann  so richtig besoffen ist, spielt er immer „Rückreise nach Jerusalem“: er alleine und 10 Stühle, aber er verliert meistens.                                                                                                                                             (Quelle)

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